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"Brief an die Gegenwart"

Liebe Gegenwart!

 

Das Resümee meines bisherigen Daseins lag in einem Katz- und Mausspiel. Eine Epoche von unsinnigen Prüfungsaufgaben, wenn es denn welche waren, begleiteten mich stets auf Schritt und Tritt. Du erlaubtest dir auf spielerische Weise einen schlechten Scherz mit mir und hattest nie ein Verlangen davon abzukommen. Aufrechtgehend ertrug ich auf allen Wegen deine Tücken. Nichts konnte mich davon abbringen aufzugeben. Einst vermochte ich mich aus dem Sumpf der Gosse zu befreien um nicht darin unterzugehen. Keine von den dir gestellten Fallen gestattete ich mir zum Verhängnis zu werden. Versank ich auch oft im eigenen Seelenmüll der mir immer wieder vorgaukelte dem Ende näher zu sein - als dem begonnenen Anfang. Aber du weisst: "Ich bin Ich" und biete Wind und Sturm wie auch jeder Niederlage die Stirn, egal wie gross der Stolperstein auch sei, der mich am weitergehen hindern will. Du solltest wissen: "Ich bleibe Ich", und ich werde es dir von Sekunde zu Sekunde aufs Neue beweisen. Warum fällt es dir bei mir so schwer mich aus dem eigenen Gefangensein zu lösen? Du müsstest doch wissen, dass ich mir dadurch ein Lebenlang selbst im Wege stand und selten einen Anfang für mich sah. Ist das deine Stärke dem Individuum zu zeigen wie schwach es ist? Du erkanntest doch sicherlich die daraus entstandene Mentalität des Misstrauens allen Menschen gegenüber. Der Undank des Einzelgänger ist dir daher gewiss und er wird auch weiterhin daran festhalten und versuchen die Vorgaben des Schicksals auszutricksen. Auch wenn du mich täglich an das Gestern erinnerst. Glaubst du nicht auch, dass es langsam an der Zeit wäre, wenigstens gegenwärtig meine Sehnsucht nach Verbindlichkeit im Dasein zu arrangieren? Heute weiss ich nicht einmal mehr genau: "Hasse ich dich oder hasse ich mich?!" Im Gegensatz zu mir kannst du dich in deinen Erfolgen, die ewig garantiert sind, genüsslich wälzen. Dieser Platz sei dir gegönnt! Aber wann und wo finde ich den meinen? Hab doch für diesen Augenblick des Gast Seins auf Erden erbarmen und lass mich das Machbare erkennen. Soviel Zeit bleibt mir doch nicht mehr im Leben.

         

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